Northern Patagonia

Aktualisiert: Juli 3

Einsame Täler, ungebändigte Flüsse und windgepeitschte Gipfel - Die patagonische Bergwelt gibt sich nicht so zahm und zugänglich wie unsere kastrierten Alpen, wo fast überall eine Gondelbahn hochfährt. Unter den Bergsteigern ist der im südlichen Eisfeld liegende Cerro Torre und der Fitzroy ein Begriff, das nördliche Eisfeld hingegen nicht. Von den meisten ignoriert, hat es Stephan Siegrist, Lukas Hinterberger und mich voll und ganz in seinen Bann gezogen. Bis jetzt verirrten sich nicht viele Bergsteiger hier hin, da die vielen Gipfel weit entlegen und nur mit einem grossen logistischen Aufwand erreichbar sind. Bis heute gibt es in dieser Region noch unbestiegene Gipfel und ein riesiges potenzial für neue Routen.


Nicht einfach ist es an Informationen zu gelangen. Die argentinischen Bergsteiger verweigern uns ihr Wissen und geben sich verschlossen. Erst über die Chilenen erfahren wir mehr über das Gebiet und wie man dort hinkommt. Kein Weg führt an den Gauchos vorbei, die diese wilden und unberührten Täler beherrschen. Hart gesottene Kerle, die im Einklang mit der Natur leben, gemeinsam mit ihren Pferden und Hunden - treue Weggefährten für das unwegsame Gelände. So hart wie sie scheinen, so freundlich sind sie. Trotz unseren bedürftigen Sprachkenntnissen sind sie hilfsbereit und aufgeschlossen.

Sie sind die, die uns zuerst mit einem Boot über den Lago Plomo bringen, um von ihrer Estanzia unser Gepäck und Nahrung für einen Monat in das 25 Kilometer entfernte Basecamp zu bringen. Da wir zu Fuss nicht so schnell wie die Pferde sind und die eiskalten und reissenden Flüsse nicht durchqueren können, müssen wir einen anderen Weg als die Gauchos einschlagen. Ihre Beschreibung von einem sehr gut angelegten Wanderweg können wir kaum bestätigen. Nach gut passierbaren Abschnitten folgt immer wieder dichtes Unterholz und nicht endende Sümpfe, die unser Schuhwerk durchnässen und unsere Füsse aufquöllen lassen. Nach 2.5 Tagen Fussmarsch erreichen wir einen idealen Platz für unser Base Camp.


Die heftigen patagonischen Stürme sind uns schon fast ein vertrauter Begriff. Von unzähligen Berichten und Gesprächen wurde uns davon gewarnt. Steff der bereits über einen grossen patagonischen Erfahrungsschatz mitbringt, hat schon am eigenen Leib erfahren, wie heftig hier der Wind zuschlagen kann. Auch die unzähligen umgekippten Bäume können ein Lied davon singen. Wir nutzen das schöne Wetter, um ein solides und windgeschütztes Basecamp einzurichten. Unsere Blicke schweifen in dieser Zeit immer wieder hoch zum Cerro largo, welcher vor dem stahlblauen Himmel über dem Tal thront. Spielen wir mit dem Feuer? Uns ist auch bekannt, das schöne und windstille Tage in Patagonien so rar sind wie Touristen in dieser Gegend. Fest entschlossen, dass die Sonne in den kommenden Wochen nochmals scheinen wird und der Wind auch mal eine Pause braucht, bauen wir uns eine Unterkunft und bringen am folgenden Tag unser Material an den Rand des Nef Gletschers.


Nach 8 Tagen strömendem Regen und dem Bauen von Hochwasserschutzanlagen scheint die Sonne das erste Mal wieder. Gerade rechtzeitig, da wir kaum noch Feuerholz haben und die Akkus von unseren elektronischen Geräten auch fast alle leer sind. Bekanntlich ist die Leistung von den mitgebrachten Solarpanels im Regen nicht die beste. Wir brechen in Richtung Cerro Largo auf. Ein einfacher Skiberg, der am Gipfel mit einem fiesen Eispilz auf die Besteiger wartet. Das Materialdepot erreichen wir schnell. Der Gipfel thront in greifbarer Nähe über uns, doch leider versperren uns im Viertelstundentakt kalbernde Eisabbrüche den direkten Aufstieg. Fast endlos müssen wir laufen, um diese zu umgehen. Es ist windstill, auf dem Gletscher herrscht glühende Hitze. Wir erreichen den letzten Aufschwung zum Gipfel und endlich können wir die Skis ablegen, von welchen wir Blasen an den Fersen kriegten. Über steile Eisfelder gelangen wir zum Gipfelpilz, welcher sich als äusserst harmlos herausstellt. Zügig hinauf auf den Vorgipfel und weiter über den Grat zum Hauptgipfel. Nach 19 Stunden erreichen wir wieder unser BC wo ein kühles Bier auf uns wartet und wir nochmals die Tour Revu passieren lassen.


Die Tage verstreichen erneut und das Wetter lässt keine grösseren Aktivitäten zu. Endlich, pünktlich am 1. Dezember erreicht uns der erste gute Tag. Wir brechen ohne grosse Hektik auf. Dieses Mal zum Cerro Cachet. Am Wandfuss auf einer Moräne schlagen wir unser Zelt auf. Der folgende Tag verbringen wir liegend in unserem kleinen Zelt und sitzen das angekündigte schlechte Wetter aus. Überglücklich nicht mehr liegen zu müssen stehen wir am Morgen des 23. Dezember auf, machen Müsli und starten unser grosses Abenteuer. Über zerklüftete Randspalten und an donnernden Seracs vorbei bahnen wir uns den Weg im Kegel unserer Stirnlampen zu der markanten Rampe, die wir vorgängig ausgespäht hatten. Diese entpuppt sich als sehr spektakulär. In der Mitte befindet sich ein fast Haus grosser Klemmblock der in steiler Eiskletterei unterklettert wird. Weiter oben wird das Terrain weitläufiger und unübersichtlich. Endlich stehen wir am Fusse der imposanten Nordostwand. Steil und mit viel Schnee und Eis eingepflastert ragt sie zum Himmel empor, schaut schon fast aus wie die Grandes Jorasses.


Wir steigen ein. Der Bergschrund gibt sich sehr zahm und wir gewinnen schnell an Höhe. Wir befinden uns in einem Couloir, das sich zu einer steilen Eiskaskade auftürmt. Eigentlich unsere Traumlinie, doch die wärmenden Strahlen der Morgensonne lässt das Eis schmelzen und instabil werden. Immer wieder zischen Eisstücke an uns vorbei. Schon fasst fluchtartig queren wir in wackliger Mixedkletterei auf den angrenzenden Pfeiler. Hier sind wir geschützt, jedoch ist die Linie nicht ganz so offensichtlich wie im Eiscouloir. In spannender und fordernder Kletterei mit Steigeisen und Pickel klettern wir Seillänge um Seillänge höher. Wir wechseln uns ab, jeder übernimmt immer einen Leadblock an 3 Seillängen, dann wird gewechselt. Die Messerhaken gehen gut in die schmalen Risse hinein und wir kommen zügig voran. Kurz vor dem Ausstieg steilt sich die Wand nochmals auf. Ich bin an der Reihe mit voraus klettern. Über eine Felsplatte führt eine feine Eisschicht empor. Die logische Linie. Ich klettere darauf los und merke wie auch hier bereits die Sonne gewirkt hat. Das Eis ist unterspült. Ich höre wie das Schmelzwasser in Strömen darunter fliesst. Ich bin mir dem Risiko, dass ich mit der ganzen Eisplatte in die Tiefe stürzen kann bewusst, somit lege ich zwei Zwischensicherungen und verbinde sie zu einem Stand. Nun weiss ich, dass bei einem Sturz nicht mehr viel passieren kann. Über das hohle und durchnässte Eis steige ich Zentimeter für Zentimeter höher, bis ich fast darüber hinweg bin. Doch dann endet das Eis und es kommt nur noch Schneematsch. Meine Eisgeräte finden keinen Halt darin und auf der abgeschliffenen Felsplatte schon gar nicht. Es fehlen nur 1.5 Meter, doch ich kann sie beim besten Willen nicht überwinden. Wackelig klettere ich langsam hinunter, um einen anderen Weg zu suchen. Der hier wäre der schnellste gewesen, jedoch muss jetzt eine Alternative her. Über eine kleine Rampe mit einem steilen Aufschwung gelange ich auf einen Pfeilerkopf. Ich fädle eine Sanduhr und rufe Stand. Fast eine ganze Stunde habe ich benötigt für diese Seillänge mit dem Verhauer. Jetzt bin ich durchnässt und verärgert, dass die Passage mit dem Eis nicht geklappt hat und wir viel Zeit verloren haben. Die nächste Seillänge steigt Lukas vor. Von unten nicht sehr spektakulär entpuppt sich diese dann als Schlüsselseillänge. Zwei weitere Längen müssen wir klettern, bis wir auf dem Gipfelgrat stehen. Überglücklich fallen wir uns in die Arme und jubeln. Jeder weiss, ohne etwas zu sagen, dass wir da eine Traumlinie klettern durften. Eine Linie die man selbst in Chamonix suchen müsste.


Nach unzähligen Panoramafotos machen wir uns auf den ungewissen Abstieg. Wir haben zwei Möglichkeiten, entweder steigen wir über die unübersichtliche mit Schneepilzen durchsetzte Nordwestflanke oder wir seilen über die Wand ab. Wir entscheiden uns für das Abseilen und erreichen schneller als gedacht wieder unser Camp am Fusse der Moräne.

Die Tage in unserem schönen BC sind gezählt und es geht an die Heimreise. Für mich war diese Reise eine der besten Erfahrungen überhaupt. Nicht wie bei meinen Nahost und Fernost Reisen gibt es hier keine Agenturen, die dir einen grossen Teil der Organisation vor Ort abnehmen können. Alles muss selber herausgefunden werden und man muss fast die richtigen Leute kennen, um überhaupt ins Basecamp zu kommen. Am Abend mit den Gauchos am Lagerfeuer zu sitzen, mit ihnen oder für sie zu kochen, ihren Geschichten zu lauschen und Mate zu trinken war für mich einzigartig und kann man wohl nur in Regionen erleben, die touristisch kaum erschlossen sind. Patagonien es war schön bei dir, auf ein nächstes Mal! Zum Schluss ein grosses Dankeschön an Robert Jasper und sein Team, dass wir ihre Skis benützen durften.




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© 2020 Nicolas Hojac